Der Tennō: Fragen und Antworten zum japanischen Kaiser
Der Tennō: Fragen und Antworten zum japanischen Kaiser
Q: Was bedeutet eigentlich der Titel "Tennō" und wer ist das?
A: "Tennō" (天皇) ist der japanische Titel für den Monarchen Japans und wird üblicherweise mit "Kaiser" ins Deutsche übersetzt. Im Gegensatz zu vielen europäischen Monarchen ist die Rolle des Tennō tief in der japanischen Kultur und der shintoistischen Religion verwurzelt. Der amtierende Kaiser ist Naruhito, der 2019 den Chrysanthemen-Thron bestieg. Es handelt sich um das weltweit älteste, ununterbrochene Erbmonarchie.
Q: Hat der japanische Kaiser heute noch politische Macht?
A: Nein, de facto besitzt der Kaiser keine politische Entscheidungsmacht. Gemäß der japanischen Verfassung von 1947 ist der Tennō das "Symbol des Staates und der Einheit des Volkes" und übt lediglich repräsentative, zeremonielle Handlungen aus. Alle Regierungshandlungen werden im Namen des Kaisers vollzogen, bedürfen aber der Beratung und Zustimmung des Kabinetts. Diese radikale Einschränkung der kaiserlichen Macht war eine direkte Folge der Niederlage Japans im Zweiten Weltkrieg und der anschließenden Besatzung durch die Alliierten.
Q: Warum ist die Kaiserfamilie so wichtig für Japan, wenn sie keine Macht hat?
A: Diese Frage zielt auf den Kern des modernen japanischen Selbstverständnisses. Die Bedeutung liegt vor allem in der symbolischen und kulturellen Funktion. Der Kaiser gilt als ein lebendiges Bindeglied zu Japans jahrtausendealter Geschichte und Tradition. In einer sich rasant wandelnden Gesellschaft bietet das Kaiserhaus ein Gefühl von Kontinuität und nationaler Identität. Kritisch hinterfragt muss man jedoch anmerken, dass diese Symbolik historisch auch für nationalistische Zwecke instrumentalisiert wurde. Die heutige Rolle ist das Ergebnis eines bewussten Neuanfangs nach 1945.
Q: Wie wird der Kaiser ausgewählt? Gibt es auch weibliche Thronfolger?
A: Die Thronfolge folgt strengen Erbregeln, die im Kaiserhausgesetz festgelegt sind. Nur männliche Nachfahren in der patrilinearen Linie können den Thron besteigen. Dies hat in den letzten Jahrzehnten zu einer ernsten Nachfolgekrise geführt, da es nur wenige männliche Mitglieder in der Familie gibt. Die Debatte über eine mögliche Zulassung weiblicher Thronfolger (oder von Nachkommen weiblicher Linien) ist hoch emotional und spaltet traditionelle und modernere Kräfte in der japanischen Gesellschaft. Es ist eine der dringendsten und kontroversesten Fragen, die das Kaiserhaus umgibt.
Q: Wie steht der Kaiser zum umstrittenen Kriegsvergangenheit Japans?
A: Dies ist der vielleicht sensibelste Punkt. Der Großvater des aktuellen Kaisers, Hirohito (Shōwa-Tennō), war während des Pazifikkrieges nominelles Staatsoberhaupt. Die genaue Rolle und Verantwortung Hirohitos für die Kriegsführung wird von Historikern bis heute debattiert. Seit 1945 haben die Kaiser bewusst eine pazifistische und versöhnliche Haltung eingenommen. Kaiser Akihito (Naruhitos Vater) entschuldigte sich wiederholt für die Leiden des Krieges in Asien. Kaiser Naruhito setzt diesen Kurs fort. Diese Haltung steht jedoch oft im Spannungsfeld zu konservativen Politikern, die eine weniger reflexive Haltung zur Vergangenheit bevorzugen.
Q: Wie "modern" ist das Leben in der Kaiserfamilie? Ist es ein goldener Käfig?
A: Die Kaiserfamilie unterliegt extrem strengen Protokollen und traditionellen Vorschriften, die das Privatleben stark einschränken. Heiraten, Bildungswege, Berufstätigkeit – alles ist reglementiert. Die Heirat von Kaiser Naruhitos Nichte, Prinzessin Mako, mit einem Bürgerlichen und ihr anschließender Austritt aus der Familie werfen ein Schlaglicht auf die enormen persönlichen Opfer und den Druck, dem Mitglieder der Familie ausgesetzt sind. Aus westlicher Perspektive erscheint dies oft wie ein "goldener Käfig". Die Familie versucht jedoch, innerhalb dieses Rahmens ein moderneres, volksnahes Image zu pflegen, etwa durch soziale Engagements und öffentliche Auftritte.
Q: Was kostet der Steuerzahler das Kaiserhaus und ist das gerechtfertigt?
A: Der Haushalt des Kaiserhofes (Kunaichō) wird aus dem Staatshaushalt finanziert. Die jährlichen Kosten liegen bei mehreren zehn Millionen Euro. Befürworter argumentieren, dass diese Summe im Vergleich zu anderen Staatsausgaben gering sei und die kulturelle, diplomatische und touristische Bedeutung des Kaiserhauses den Aufwand rechtfertige. Kritiker fragen, ob in einer modernen Demokratie eine erbliche Institution mit Steuergeldern unterhalten werden sollte. Die Debatte über Kosten und Nutzen ist weniger laut als die über die Thronfolge, schwelt aber im Hintergrund weiter.
Q: Hat das deutsche Publikum ein realistisches Bild vom japanischen Kaiser?
A: In Deutschland wird der Tennō oft als exotische, unpolitische und rein zeremonielle Figur wahrgenommen – eine Art "asiatischer König". Dieses Bild verkennt die immense historische und politisch-kulturelle Komplexität, die mit dem Amt verbunden ist. Die tiefe Verwurzelung im Shinto, die traumatische Kriegsvergangenheit, die aktuellen Nachfolgeprobleme und die Spannungen zwischen Tradition und Moderne werden oft ausgeblendet. Ein kritisches Verständnis des Kaiseramtes ist jedoch entscheidend, um das moderne Japan jenseits von Klischees zu begreifen.