Rayyan vs. Herkömmliche Literaturverwaltung: Ein Vergleich für Forschende und Studierende
Rayyan vs. Herkömmliche Literaturverwaltung: Ein Vergleich für Forschende und Studierende
In der wissenschaftlichen Arbeit ist die Literaturrecherche und -verwaltung eine zentrale, oft zeitintensive Aufgabe. Während traditionelle Literaturverwaltungssoftware wie Citavi oder EndNote seit Jahren etabliert sind, treten zunehmend intelligente, KI-gestützte Plattformen wie Rayyan in den Vordergrund. Dieser Vergleich analysiert beide Ansätze anhand objektiver Kriterien, um eine fundierte Entscheidungshilfe zu bieten.
1. Grundkonzept und Hauptzweck
Der grundlegendste Unterschied liegt im Fokus der Tools:
- Herfkömmliche Literaturverwaltung (z.B. Citavi, EndNote, Zotero): Diese Software dient in erster Linie der Organisation, Speicherung und Zitation von Literaturquellen. Sie sind digitale Bibliotheken, die das Sammeln von PDFs, das Verwalten von Metadaten und das Einfügen von Zitaten in Textverarbeitungsprogramme optimieren.
- Rayyan: Rayyan ist eine webbasierte Plattform speziell für das systematische Screening von Studien, insbesondere im Bereich der medizinischen oder sozialwissenschaftlichen Forschung. Sein Kernzweck ist die effiziente Durchsicht (Screening) großer Mengen von Literatur-Titeln und Abstracts, um relevante Studien für systematische Übersichtsarbeiten oder Meta-Analysen zu identifizieren.
2. Funktionen und Arbeitsablauf
Die Unterschiede im Zweck spiegeln sich deutlich in den Funktionsumfängen wider.
| Vergleichsdimension | Rayyan | Herfömmliche Literaturverwaltung (z.B. Citavi) |
|---|---|---|
| Kernfunktion | Blindes/Semi-blindes Screening von Titeln/Abstracts, KI-gestützte Vorsortierung, kollaborative Entscheidungsfindung, Konfliktauflösung. | PDF-Verwaltung, Metadaten-Erfassung, Erstellen von Literaturverzeichnissen, Notizen und Wissensorganisation, Zitationsplugin für Word/LibreOffice. |
| KI-Unterstützung | Stark: Rayyan nutzt KI, um Duplikate zu entfernen und Studien basierend auf vorherigen Entscheidungen vorzusortieren, was den Screening-Aufwand erheblich reduziert. | Schwach bis nicht vorhanden: Fokus liegt auf manueller Organisation und Regel-basierten Funktionen. |
| Kollaboration | Hervorragend: Eingebaute Workflows für Teams, einfaches Teilen von Projekten, transparentes Nachverfolgen von Entscheidungen jedes Reviewers. | Eingeschränkt: Meist über Cloud-Sync oder geteilte Dateien möglich, aber nicht für dedizierte Screening-Prozesse optimiert. |
| Zitation & Formatierung | Sehr begrenzt. Keine direkte Integration in Textverarbeitungsprogramme. | Umfangreich. Stärke dieser Tools: Tausende Zitationsstile, direkte Verknüpfung mit Word. |
| Plattform & Zugriff | Primär webbasiert (mit mobilen Apps). | Oft Desktop-basiert (mit Cloud-Komponenten). |
3. Vor- und Nachteile im Überblick
Rayyan – Vorteile:
- Unschlagbare Effizienz beim Screening großer Literaturmengen.
- Exzellente kollaborative Features für Forschungsteams.
- Intelligente, lernende Algorithmen beschleunigen den Prozess.
- Geringere Einstiegshürde für den spezifischen Screening-Zweck.
- Keine vollwertige Literaturverwaltung (schwache PDF-Verwaltung, keine Zitationsfunktion).
- Für isolierte Forscher:innen ohne Team möglicherweise over-engineered.
- Abhängigkeit von einer Internetverbindung für volle Funktionalität.
- All-in-One-Lösung: Von der Recherche bis zur fertigen Bibliographie.
- Hohe Kontrolle über Daten und Formatierung.
- Etablierte, robuste Software, oft mit lokaler Datenspeicherung.
- Unverzichtbar für das eigentliche Schreiben der Arbeit.
- Für systematisches Screening unhandlich und ineffizient.
- Kollaboration oft umständlicher.
- Keine KI-Unterstützung für inhaltliche Selektionsprozesse.
4. Kosten und Zielgruppe
Rayyan bietet einen kostenlosen Basisplan mit Einschränkungen (z.B. bei der Anzahl der Reviews) und kostenpflichtige Pro-Versionen für Teams und umfangreiche Projekte. Es richtet sich primär an Forschungsteams in der Medizin, Public Health, Psychologie und Sozialwissenschaften, die systematische Reviews durchführen.
Citavi/EndNote folgen oft einem Lizenzmodell (Kauf oder Subskription) für Einzelpersonen oder Institutionen. Sie sind die Standardwerkzeuge für Studierende, Doktoranden und Forschende aller Disziplinen, die Hausarbeiten, Dissertationen oder Fachbücher schreiben und dabei umfangreiche Literatur verwalten müssen.
Fazit und Empfehlung für verschiedene Szenarien
Die Wahl ist keine Entweder-oder-Frage, sondern hängt von der Forschungsphase und der Art des Projekts ab.
- Für systematische Reviews / Meta-Analysen (insbesondere im Team): Rayyan ist nahezu unverzichtbar. Nutzen Sie es für die Screening-Phase, um Zeit zu sparen und die Konsistenz zu erhöhen. Exportieren Sie die finale Studienliste anschließend in ein klassisches Literaturverwaltungstool.
- Für das Verfassen von Abschlussarbeiten, Dissertationen oder Büchern: Setzen Sie auf etablierte Literaturverwaltungssoftware wie Citavi oder EndNote. Diese begleiten Sie durch den gesamten Schreibprozess und entlasten Sie bei Formalien.
- Optimale Kombination für umfassende Forschungsprojekte: Nutzen Sie Rayyan in der frühen Screening- und Selektionsphase und ein klassisches Tool für die Verwaltung der ausgewählten Volltexte, das Exzerpieren und das Zitieren während des Schreibens. Dieser Workflow kombiniert die Stärken beider Welten und maximiert Effizienz sowie wissenschaftliche Robustheit.