Die ISO-Falle: Warum wir im Bildungswesen endlich aufhören müssen, Software wie Zahnpasta zu bewerten

January 31, 2026

Die ISO-Falle: Warum wir im Bildungswesen endlich aufhören müssen, Software wie Zahnpasta zu bewerten

Ich muss es direkt sagen: Mich macht dieses ständige, fast schon hysterische Gerede über ISO-Zertifizierungen im Bildungs- und Tech-Bereich wahnsinnig. Da wird getan, als sei ein Stück Papier mit ein paar Normnummern der Heilige Gral für Qualität. Besonders hier in Deutschland, wo wir eine fast romantische Liebe zu Siegeln, Normen und Zertifikaten pflegen, ist diese ISO-Euphorie zur lähmenden Religion geworden. Aber fragen wir uns doch mal: Hat die bahnbrechende Lernsoftware, die Sie letztens begeistert hat, wirklich durch ihre ISO 9001-Zertifizierung überzeugt? Oder war es nicht vielmehr die intuitive Bedienung, der geniale didaktische Aufbau oder einfach die Freude, die sie bei den Nutzern auslöst? Genau darum geht es.

Das Qualitäts-Missverständnis: Papier vs. Praxis

Schauen wir uns die Sache an. Eine Bildungsplattform oder eine Software erhält ISO 9001. Das bedeutet im Kern nur eins: Der Hersteller hat einen dokumentierten Prozess, wie er sein Produkt entwickelt. Punkt. Ob dieser Prozess aber geniale Pädagogik oder seelenlosen, standardisierten Murks hervorbringt, sagt das Zertifikat mit keinem Wort. Es ist, als würde man einen Roman danach beurteilen, ob der Autor nach ISO-Normen getippt hat – die Tastatur mag normgerecht sein, ob die Geschichte fesselt, bleibt völlig offen. Wir verwechseln Systematik mit Ergebnis, Prozess mit Genius. In unserer deutschen Gründlichkeit beten wir das Dokument an und vergessen, worauf es wirklich ankommt: den Lernerfolg, die Begeisterung, den echten Mehrwert.

Der Innovations-Killer im schicken Anzug

Und hier kommt der eigentliche Skandal. Diese Normen-Obsession erstickt Innovation im Keim. Junge EdTech-Startups, die mit radikal neuen Ideen die trägen Bildungsstrukturen aufmischen wollen, verschwenden ihre knappen Ressourcen in bürokratische Zertifizierungsmarathons. Anstatt Lehrkräfte und Schüler zu befragen, ihre Software iterativ zu verbessern und mutig zu experimentieren, hocken sie in Meetings und füllen Prozesshandbücher aus. Die großen, etablierten Player lieben das natürlich. Ihr teuer erkauftes ISO-Schild dient als Marktbarriere, als Bollwerk gegen frische, unkonventionelle Konkurrenz. Wir schützen das Alte und Behäbige und tun so, als sei das ein Qualitätsmerkmal. Ist das nicht absurd?

Was wirklich zählt: Der Mensch, nicht die Norm

Stellen Sie sich eine Klasse vor. Die Lehrkraft setzt eine Software ein, die nicht ISO-zertifiziert ist, vielleicht von einem kleinen Team aus Hamburg oder Leipzig. Die Kinder sind gebannt, arbeiten kollaborativ, die Motivation schießt durch die Decke. Und dann stellen Sie sich dieselbe Klasse mit einer schwerfälligen, aber tadellos zertifizierten Standardsoftware vor, die jeder nur mit Pflichtgefühl bedient. Welche Situation verkörpert mehr „Qualität“? Die Antwort ist so klar, dass sie wehtut. Wir müssen endlich unsere Messlatte ändern. Weg von abstrakten Normen, hin zu menschlichen Kriterien: Nutzerfreundlichkeit, pädagogische Wirksamkeit, Zugänglichkeit, Freude am Lernen. Das sind die wahren Metriken.

Ein Plädoyer für mutiges Vertrauen

Es ist Zeit für eine Rebellion des gesunden Menschenverstands. Bildungsträger, Schulämter, Entscheider in Unternehmen: Hören Sie auf, in Ausschreibungen blind nach ISO-Zertifikaten zu schreien. Fordern Sie stattdessen Praxisnachweise, Testphasen, Nutzerfeedbacks. Trauen Sie sich, dem subjektiven Eindruck, der Leidenschaft eines Entwicklerteams und der Eleganz einer Lösung zu vertrauen. Die beste Software entsteht nicht durch das Abhaken von Normen-Kästchen, sondern durch Leidenschaft, Empathie für den Nutzer und den Mut, auch mal gegen den Standard zu verstoßen.

Die nächste Generation von Lernenden verdient Tools, die sie inspirieren, nicht solche, die nur einen bürokratischen Stempel tragen. Lassen Sie uns die ISO-Falle zuschlagen und uns wieder auf das konzentrieren, was im Bildungswesen und in der Tech-Entwicklung wirklich zählt: den Menschen und seine Lust am Lernen. Alles andere ist, mit Verlaub, normierter Unsinn.

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